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Der von mir sehr verehrte Bertolt Brecht sagte einmal: „Ich rate, lieber mehr zu können als man macht, als mehr zu machen als man kann.“ (Journale 1941-1955). Für den fortgeschrittenen Gärtner ist das kein schlechter Leitspruch. Denn selbst der erfahrenste Gärtner macht manchmal Dinge, die sich als unklug erweisen. Die Zeitschrift Gardens Illustrated hat die bekanntesten Gartendesigner nach ihren persönlichen Gartenfehlern gefragt. Hier kommen die Top 10:
1) Zu viele Bäume und Büsche gepflanzt und diese zu eng gesetzt.
Das ist ein Fehler, den jeder kennt, der einen neuen Garten anlegt. Es sieht am Anfang einfach so aus, als hätte man unendlich viel Platz. Jahre später verschattet dann der Kirschbaum das Gemüsebeet. Ein Klassiker.
2) Stauden an Stellen gesetzt, an denen sie nicht stehen wollen.
Auch das ist ein Fehler, den wir alle schon einmal gemacht haben. Pflanzen sind erstaunlich konservativ – sie halten an ihren Vorlieben fest. Wenn man diese nicht berücksichtigt, verabschieden sie sich sang- und klanglos. Hier sei jedem der eiserne Leitsatz von Beth Chatto ins Gedächtnis gerufen: „Right Plant, right Place!“
3) Zu viel und zu dicht gesät.
Das passiert mir jedes Jahr aufs Neue. Ich glaube, es ist einfach Gier oder Maßlosigkeit. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass so wenige, so kleine Pflänzchen später das Beet füllen sollen. Wahr ist aber: Pflanzen entwickeln sich nur groß und gesund wenn sie genügend Platz dafür haben.
4) Zu viel Rasen im Garten.
Die Erkenntnis, dass Rasen im Garten keine Erleichterung sondern eine unbarmherzige Pflicht ist, kommt meist zu spät. Damit ein Rasen wirklich toll aussieht, muss er gehegt und gepflegt werden. Es ist eine Sisyphusarbeit. In England wird im Moment ein neuer Trend heiß diskutiert: Kleewiese statt Zierrasen. Ein gute Idee!
5) Pflanzungen ohne Pflanzplan.
Auch das ist ein typischer Anfängerfehler. Pflanzpläne – und seien sie noch so amateurhaft gezeichnet – strukturieren die Gedanken. Sie helfen dabei, sich die zu bepflanzende Fläche vor Augen zu führen und sich nicht mit „Lieblingspflanzen“ zu verzetteln. Sie klären Pflanzhöhen und Blühfolgen. Und wenn man sich ein wenig Zeit lässt und nicht gleich wild drauflos pflanzt, wird man den Plan mehrfach ändern, bis die Pflanzen endlich gekauft und gesetzt werden. Und das ist meistens sehr gut so!
6) Großflächig Blumenzwiebeln gesetzt, die nicht in die Pflanzung passen.
Das passiert wirklich öfter als man denkt. Nicht immer ist man selbst schuld. Ich kenne eine nette Gärtnerin, die einen großen Garten ihr Eigen nennt und dort in der Wiese immer hunderte Zwiebeln verbuddelt. Sie erzählte mir, dass der Zwiebellieferant ihr hunderte falsch deklarierte Frühblüher geliefert hat, die sie in gutem Glauben in ein wohlkuratiertes Bild gepflanzt hat. Sie sollten weiß sein, sie waren blau. Das bekommt man vor allem bei kleinen Zwiebeln kaum mehr korrigiert.
7) Den Boden nicht wichtig genug genommen.
Auch das ist eine Lektion, die man erst mit wachsender Gartenerfahrung lernt. Der Boden ist der König. Man kann nur mit dem Boden gärtnern. Man muss ihn verbessern oder sich mit der Pflanzung auf sein Wesen einstellen. Eine Pflanze ist nichts ohne den Boden.
8) Schlechte, mit Herbizid belastete Pflanz- und Anzuchterde gekauft.
Dieser Fehler tut weh. Und er ist umso gemeiner, weil er nicht wirklich zu 100% zu vermeiden ist. In handelsüblicher Erde ist oft ein größerer Anteil Kompost enthalten. Wenn dieser Kompost von Planzen stammt, die massiv mit Unkrautvernichtern behandelt wurden, dann zerfällt der Schadstoff zusammen mit den Pflanzen im Kompost. Die keimhemmende Wirkung bleibt dann noch eine ganze Weile im Kompost erhalten. Bei Aussaaterde empfiehlt sich ein Keimtest. Bei Kompost hilft nur hoffen, das er sauber ist und dass alle Schneckeneier bei der Erhitzung vernichtet wurden.
9) Lange Zeit mit Rindenmulch gemulcht.
Das ist ein Fehler, der nicht mehr so oft vorkommt. Zum einen hat sich das Wissen durchgesetzt, dass Rindenmulch den ph-Wert des Bodens senkt. Er macht den Boden also saurer, was vielen Pflanzen nicht gefällt. Zudem entzieht er der Erde während seines Zerfalls Stickstoff, sodass beim Einsatz von Rindenmulch gleichzeitig mit der Gabe von Hornspänen gegengesteuert werden muss. Mit Miscanthus-Mulch gibt es mittlerweile eine gute Alternative zu Rinde. Das Ziel sollte jedoch immer eine möglichst geschlossene Pflanzendecke sein. Dann erübrigt sich das mit dem Mulchen von selbst.
10) Stauden mit starkem Ausbreitungsdrang in Beete setzen.
Ob das ein Fehler ist – darüber bin ich unentschlossen. Japan-Anemonen fallen zum Beispiel unter diese Kategorie. Wenn die Staude gut eingewachsen ist, neigt sie dazu, das Beet zu übernehmen. Ich wollte dennoch nicht auf sie verzichten. Ganz anders verhält es sich mit so wilden Kollegen wie dem Drüsige Springkraut (ein Neophyt). Wer sich diese Pflanze aus Unwissen oder Sentimentalität ins Beet geholt hat, wird lange etwas davon haben.
So weit, so schlimm. Durch eigene Forschung habe ich noch einen weiteren Gartenfehler entdeckt. Hier – exklusiv für Sie – der Fehler Nummer 11!
11) Nicht lange genug nachdenken bevor man etwas tut. Womit wir wieder beim guten Herrn Brecht wären.
Ich stelle mich nun einfach einmal gerade hin und erzähle mutig von meinem gedanklichen Versagen: In unserer Nachbarschaft gibt es einen Vorgarten, der nicht gepflegt wird. Giersch, Disteln und andere Zeitgenossen machen sich dort breit. Einmal im Jahr kommt ein Dienstleister, der „Gartenbau“ auf seinem Auto stehen hat. Der kippt dann 5 cm Rindenmulch auf Giersch und Co. Dann sieht es wieder „sauber“ aus. Sie wissen, was passiert. Das Ganze hält einen Monat, dann ist der Giersch wieder da. Wie auch sonst. Vor einigen Monaten fragte mich der Verwalter des Hauses ob ich mich nicht um den Vorgarten kümmern könnte. Was soll ich sagen: Er erwischte mich in einer milden Sekunde, und ich stehe zudem ein wenig in seiner Schuld. Es ging schnell, und plötzlich hatte ich einen Vorgarten voller Giersch und Sträucher, die jahrelang nicht geschnitten worden waren, am Hals. Wir haben das Gartenstück mit 2 Menschen ganze 5 Tage durchgejätet und die Sträucher radikal zurückgeschnitten. Als wir fertig waren, war der Juli angebrochen. In Erwartung eines heißen Sommers entschieden wir, die Staudenpflanzung für dieses Stück auf den September zu schieben und die Fläche so lange brach liegen zu lassen. Auch die Begenien im Bestand sollten erst im September zurückgeschnitten werden. Es sah nicht perfekt, aber doch recht nett aus.
Soweit, so gut. Aber des Nachts dachte ich mir: Den Boden brach liegen zu lassen, ist auch keine gute Idee. Warum säest du nicht Gründüngung? Über diese Idee hätte ich länger nachdenken sollen. Habe ich aber nicht. Am nächsten Tag schnappte ich mir eine Tüte Buchweizensaat und säte sie im strömenden Regen auf die Fläche. Die Vorstellung war eine geschlossene Buchweizendecke, die ich dann im September unterarbeiten würde. Darf ich Sie am Ergebnis teilhaben lassen?
Es sieht wirklich übel aus, das muss dringend repariert werden. Intelligenter wäre es gewesen, eine dicke Schicht Miscanthus-Mulch aufzubringen. Ich habe kurz geflucht und dann wieder zur Gesamtausgabe der Brechtschen Gedichte gegriffen. Wenn man Trost sucht, ist man dort immer gut aufgehoben. Und tatsächlich gibt es Trost:
Der Mensch lebt durch den Kopf.
Der Kopf reicht ihm nicht aus.
Versuch es nur, von deinem Kopf
Lebt höchstens eine Laus.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
…
* Bertolt Brecht: Ballade von der Unzulänglichkeit Menschlichen Planens


